Geisterbahnhöfe

Foto: Wikipedia.Uchristi, CC BY-SA 2.0

Wenn man Bilder von Geisterbahnhöfen sieht, wird klar, warum mit der Entwicklung der Eisenbahn im 19. Jhd. eine Revolution in der Wahrnehmung der Zeit einherging. Es wurden überregionale Standardzeiten eingeführt, um verbindliche Fahrpläne zu führen und das Streckennetz zu steuern. Der Bahnhof lieferte nun die genaue Uhrzeit, nicht mehr Kirchen oder Rathäuser. Zu der festgelegten Zeit versammelten sich dutzende Menschen auf den Bahnsteigen, der lärmende Zug fährt ein und kurz nach der Abfahrt des Zuges tritt wieder gähnende Leere ein.

Die Abwesenheit des strengen Taktes wird in den verlassenen Räumen spürbar. Gerade bei U-Bahnhöfen am Streckenende, wo kein Tageslicht hereinfällt steht die Zeit still.

Die Wahrnehmung der Zeit ist aber auch mit der des Raumes verknüpft. Das seltsame Gefühl, wenn man in Wien in einen klimatisierten Zug einsteigt und ein paar Stunden später in Hamburg ankommt, in einem ganz anderen Mikroklima, wo die Leute einen anderen Dialekt sprechen und anderen Konventionen folgen, verweist auf den Riss in der Kontinuität des Erlebten. Der Weg wird nicht als Übergang wahrgenommen, sondern als Zwischenspiel. Man springt von einer Realität in die andere. Der Weg zum verlassenen Bahnhof, ist jedoch eine Sackgasse. Was vormals Tor zur Welt war, ein Knotenpunkt in einem weitgespannten Netz verknüpfter Ziele, ist jetzt isoliert. Der Bahnhof ist nur noch symbolisch verknüpft mit dem, was an diesem Ort einmal stattgefunden hat, was passieren sollte oder was in ähnlichen Räumen geschieht.

Selbst bei regulärem Betrieb haben U-Bahnhöfe schon einen besonderen Reiz, wenn man der Frage nachgeht, wie ein Stadtraum, der sensuell komplett getrennt ist, unterirdisch repräsentiert wird. Man hat das Bedürfnis sich zu orientieren, den Raum einzuordnen. Häufig werden Kunstwerke installiert, um dem Ort Identität einzuverleiben und mit der Oberfläche zu verbinden. Die meisten Geisterbahnhöfe sind jedoch nicht einmal öffentlich zugänglich. Die Eingänge sind abgesperrt und zugemauert.

Es sind solche Orte, die sich als Projektionsflächen für Utopien eignen, da sie nicht vereinnahmt sind. Die Einordnung kann neu gestaltet werden.

Eine Sammlung von Videos zu den Londoner Geisterbahnhöfen auf dem blog von ateneit hat mich zu diesem Artikel bewogen. Zuletzt wurde dort auch ein Artikel zum Bau des London Underground Netzes gepostet. Auf wikipedia gibts passend dazu eine Liste weiterer Geisterbahnhöfe.

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